Eine kleine Geschichte des seriellen Bauens in Deutschland  


Als Vermittler für Immobilienkredite haben wir täglich mit Architektur zu tun, ohne sie als solche wahrzunehmen. Um Ihnen die bestmöglichen Finanzierungen bieten zu können, denken wir täglich über Nutzflächen, Nettokaltmieten und Altlasten nach. Dabei verlieren wir die gesellschaftlichen und ästhetischen Aspekte des Bauens leicht aus den Augen. In dieser Kolumne wollen wir einen anderen Blick auf unsere Arbeit werfen.

Mitte November sorgte Bundeskanzler Olaf Scholz mit der Aussage für Aufregung, Deutschland brauche zwanzig neue Stadtteile auf der grünen Wiese so wie in den Siebzigerjahren. Vor dem Hintergrund der allgegenwärtigen Forderung nach mehr seriellem Wohnungsbau könnte man glatt meinen, in ein Paralleluniversum geraten zu sein, in dem Satellitenstädte wie das Märkische Viertel oder die Großsiedlung Marzahn nie in Verruf geraten sind.  


Im europäischen Ausland zeichnet sich dieses Umdenken jedoch schon seit längerem ab. Nur Deutschland hinkt der Entwicklung hinterher, und das, obwohl die DDR einst Vorreiter auf dem Gebiet des seriellen Bauens war. Nach der Friedlichen Revolution landete dieses Wissen jedoch auf dem Schrottplatz der Geschichte. So blieb es ausländischen Architekten überlassen, den in Deutschland verdrängten Plattenbau in die Gegenwart zu holen. 


Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet Stararchitekt Reinier de Graaf (OMA), dessen Buch Four Walls and a Roof (2017) sich wie eine Liebeserklärung an das serielle Bauen der DDR liest. Seine Erkenntnisse setzte er in den Stockholmer Wohntürmen Norra Tornen (2018) um, deren aufwändig gestaltete Fassade aus vorfabrizierten Betonteilen zusammengepuzzelt ist. In Interviews bezeichnet de Graaf seine beiden Kolosse gerne als „Plattenbau for the rich“. 


Nun könnte man meinen, dass solche Leuchtturmprojekte nur entfernt etwas mit dem ostdeutschen Plattenbau zu tun haben. Dass dem nicht so ist, beweisen die beiden 2022 von Philipp Meuser herausgegebenen Bände Vom seriellen Plattenbau zur komplexen Großsiedlung. Industrieller Wohnungsbau in der DDR 1953 – 1990. Sie zeigen, dass die Entwicklung des seriellen Bauens in der DDR auf die Varianz und Vielfalt des Norra Tornen zusteuerte.  


Dazu unterscheidet das Buch zwischen vier Generationen des Plattenbaus, die sich durch eine Zunahme an Modularität auszeichnen. Während Gebäude der ersten Generation nicht variabel waren, konnte die Länge einer Häuserzeile der zweiten Generation bereits angepasst werden. Die dritte Generation ermöglichte es dann, verschiedene Wohnungstypen miteinander zu kombinieren, während die jüngste Generation nur noch aus einem Baukastenkatalog bestand, dessen Elemente frei kombinierbar waren.  


Im Nachfolgenden wollen wir diese Entwicklung nachzeichnen:



Der erste Plattenbau der DDR 


Beim Versuchsbau in Berlin-Johannisthal (1953 - 1954) kamen erstmals in der DDR geschosshohe Großtafeln zum Einsatz. Die bis zu 14 Tonnen schweren Elemente wurden auf der Baustelle gegossen und mithilfe eines Krans montiert. Dabei zeigte sich, dass Kosten- und Zeitersparnisse nur möglich waren, wenn die Platten in einer Fabrik hergestellt wurden. Dafür fehlte aber die Transport- und Hebetechnik. Deshalb wurden die folgenden Bauten zunächst aus kleineren Großblocks hergestellt. 

Der Versuchsbau in Johannisthal entstand noch im Stil des Sozialistischen Klassizismus. Deswegen ähnelt er den konventionell errichteten Bauten des 1. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee. 

Die Typenreihe QP (1959 - 1983) 


Mit der Entstalinisierung verändert sich die Architektur in den Ländern des Ostblocks. Das zeigt sich auch am 2. Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee in Berlin. An die Stelle der Arbeiterpaläste traten hier 10-stöckige Plattenbauten mit farbigen Keramikfassaden, die in der Fabrik komplett vorgefertigt wurden. Dadurch mussten die Platten nicht mehr verputzt werden, sondern gliederten als ästhetisches Element die Fassade. 

Beim Typ Q P sind die quer zur Fassade angeordneten Großtafelplatten tragend. Sie stehen in einem Abstand von 3,60 m, was die Grundrissplanung erheblich beeinträchtigte. 

Die Typenserie P2 (1962 - 1990) 


Die P2 ist der Nachfolger des ersten Bausystems der DDR (P1), bei dem ein komplettes Wohnhaus industriell vorgefertigt und auf der Baustelle in kürzester Zeit montiert werden konnte. Bei der P2-Serie wurden sogar die Bäder inklusive Ausstattung im Werk gefertigt. Die tragenden Querwände stehen in einem Abstand von 6 m, was eine flexible Grundrissgestaltung mit breiten Wohnräumen längs zur fensterreichen Außenfassade ermöglichte. 


Vielleicht ist es der Tauwetter-Periode zu verdanken, dass in dieser Serie ein für die DDR einzigartiger Küchentyp erprobt wurde. Die Küche war durch eine gläserne Durchreiche in den Wohnraum integriert. Damit sollte die Küchenarbeit in das Familienleben integriert werden. 

Die Wohnbauserie 70 (1972 - 1990) 


Im Gegensatz zu den früheren Serien ist die WBS 70 ein Baukastensystem, das die Planung unterschiedlichster Grundrisse ermöglichte. So konnten stützenfreie Räume bis zu 72 qm realisiert werden, was die Unterbringung von Läden im Sockelgeschoss ermöglichte. Mit dem WBS 70 wurden 645.000 Wohnungen gebaut (45 % der Gesamtproduktion). Eine Wohnung konnte in 18 Stunden komplett montiert werden. 

Auch bei der Fassadengestaltung setzte die WBS 70 neue Maßstäbe. Wie im Berliner Nikolaiviertel ermöglichte sie die Anpassung an regionale Bautraditionen. 

Ritterstraße 


Unser Kollege Frank Müller hat kürzlich eine Finanzierung für ein Objekt in der Berliner Ritterstraße vermittelt, dessen Fassade ebenfalls aus sandgestrahlten Sichtbetonfertigelementen besteht – nur wirkt das Gebäude aufgrund der großen Glasflächen und dynamischen Rhythmik deutlich moderner.

Quellen: 

​​​​​​​

Reinier de Graaf: Four Walls and a Roof. The Complex Nature of a Simple Profession. Cambridge 2017. 


Philipp Meuser (Hg.): Vom seriellen Plattenbau zur komplexen Großsiedlung. Industrieller Wohnungsbau in der DDR 1953 -1990. Berlin 2022. 

Autor

​​​​​​​Sebastian Freiseis

studierte Germanistik, Philosophie sowie Literatur- und Kulturtheorie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und der University of Nebraska-Lincoln. 


www.promarch.org/

Bitte warten